Von Lars Becker
Drei Titel konnte Georg Grozer in diesem Jahr schon einheimsen.
Mit dem russischen Topklub Belogorie Belgorod gewann er den Pokal, die Champions League und zum ersten Mal die Klubweltmeisterschaft.
Mit der Nationalmannschaft ist die Ausbeute eher mager. Den bislang größten Erfolg feierte der mehrfache Volleyballer des Jahres 2012 mit einem fünften Platz bei den Olympischen Spielen in London.
Jetzt steht in Polen die Weltmeisterschaft an. Ein Titel blieb dem DVV-Team bislang verwehrt.
Im Interview mit SPORT1 spricht Grozer über den Auftakt am Montag (ab 13 Uhr) gegen Brasilien, die deutschen Medaillenchancen, seine Zukunft im Nationalteam und das nicht immer einfache Leben bei seinem Verein in Russland.
SPORT1: Herr Grozer, bei den Olympischen Spielen 2012 und der Europameisterschaft 2013 war trotz starker Leistungen im Viertelfinale Schluss für die deutsche Nationalmannschaft, weil im entscheidenden Moment nicht die Topleistung abgerufen werden konnte. Ist die Mannschaft jetzt einen Schritt weiter?
Georg Grozer: Wir haben ja auch in der Vorbereitung mit unseren Erfolgen gegen Italien oder die USA bewiesen, dass wir die ganz Großen schlagen können. Jetzt müssen wir zeigen, dass wir das auch über die Dauer eines WM-Turniers schaffen können.
SPORT1: Auf Ihnen als Superstar und Topscorer liegt trotzdem die meiste Verantwortung…
Grozer: Ich fühle mich bereit und werde die Mannschaft pushen, auch wenn es bei mir im Angriff mal nicht so läuft. Ich habe im Sommer zwei Monate freigemacht, fühle mich fitter als vor der EM im letzten Jahr. Ich bin im Topzustand, wie die gesamte Mannschaft.
SPORT1: Zum Auftakt wartet mit Titelverteidiger Brasilien gleich der schwerstmögliche Gegner…
Grozer: Ich spüre in der Mannschaft nicht so ein Gefühl wie ‚O Gott nein, die Brasilianer‘. Wir freuen uns, dass es losgeht und wollen die Brasilianer weghauen. Danach müssen wir einfach Schritt für Schritt gehen. Jeder fragt mich, ob wir bei dieser WM eine Medaille holen können. Ich denke, dass es wirklich möglich ist. Aber wir werden sehen, ob es diesmal schon klappt. Ich habe immer gesagt, dass ich bis Olympia 2016 eine Medaille mit dem deutschen Team gewinnen will. Da haben wir ja außerdem noch die EM 2015 und Olympia in Rio als Chance.
SPORT1: Eine deutsche Volleyball-Nationalmannschaft hat letztmals vor 44 Jahren eine Medaille bei der WM gewonnen. Wie realistisch ist ein Podestplatz wirklich?
Grozer: Es ist ein Traum von mir, und ich habe mir meine Träume bislang ganz gut verwirklicht. Ich habe mit meinem Verein die europäische Champions League und die Klub-Weltmeisterschaft gewonnen. Ich bin sehr, sehr ehrgeizig und sehe das Potenzial, was in dieser Mannschaft steckt. Und das werden wir zeigen.
SPORT1: Sie haben selbst schon bei einem Verein in Polen gespielt und den Meistertitel geholt. Was erwartet die Teams bei dieser WM?
Grozer: Ein Riesenvolleyballfest. Das Auftaktspiel haben 62.000 Zuschauer gesehen. Ich glaube, da muss man nichts weiter sagen. Die Polen sind volleyballverrückt und Teams wie Zuschauer werden viel Spaß haben.
SPORT1: Sie hatten bei den Olympischen Spielen 2012 die mangelnde Unterstützung des Deutschen Volleyball-Verbandes für die Nationalspieler bemängelt. Hat sich seitdem etwas verbessert?
Grozer: Ich habe über Dänemark eine Versicherung hinbekommen, sonst hätte ich im Nationalteam aufhören müssen. Außerdem haben wir ja einen neuen Präsidenten und alle bemühen sich wirklich. Wir haben zwei Sponsoren auf dem Trikot, dazu die Partnerschaft mit UNICEF. Es passiert etwas, das ist gut für die Zukunft der jüngeren Spieler. Aber ich hoffe, dass noch mehr passiert für die nächste Generation.
SPORT1: Denken Sie etwa schon an den Abschied aus dem Nationalteam?
Grozer: Nach Olympia 2016 ist definitiv Schluss. Das habe ich meiner Frau und meinen Kindern versprochen. Danach werde ich nur noch im Verein weiterspielen, um Geld zu verdienen. Ich habe immer Lust, in der deutschen Nationalmannschaft zu spielen. Aber irgendwann ist auch mal die Familie dran. Ich habe mich mit meiner Frau geeinigt, dass ich nochmal zwei Jahre Vollgas gebe. Und dann bin ich im Sommer für die Kinder da. Meine kleine Tochter fragt jetzt schon immer jeden Tag, wann ich endlich nach Hause komme.
SPORT1: Ist eigentlich die Familie bei Ihnen, wenn Sie für Ihren russischen Arbeitgeber Belogorie Belgorod spielen?
Grozer: Nein, die habe ich in der letzten Saison nur länger gesehen, als ich nach einem Champions-League-Spiel in Maaseik in der Nähe meiner Heimat und nach dem Champions-League-Sieg außerplanmäßig ein paar Tage frei bekommen habe. Die Zeit ohne meine Familie war nicht einfach für mich, aber ich weiß, dass bei mir zu Hause immer viele Freunde sind, die meine Frau unterstützen. So konnte ich in Ruhe meine Arbeit in Belgorod machen.
SPORT1: Wie ist das Leben denn als Volleyball-Profi in Russland?
Grozer: Ganz schön schwer und meist ganz schön kalt, aber man gewöhnt sich dran. Ich bin zum Glück ein Typ, der überall schnell Fuß fasst. Von Montag bis Mittwochabend bin ich im vereinseigenen Hotel, dann von Donnerstag bis mindestens Samstagabend wieder im Hotel. Viel in der Wohnung bin ich nicht, meist nur zum Wäsche waschen, ich würde meine Familie sowieso kaum sehen. Letztes Weihnachten war ich gerade drei Stunden in meiner Wohnung, und auch in diesem Jahr wird vom 24. bis 29. Dezember der Pokal gespielt, da es in Russland Weihnachten wie bei uns ja nicht gibt.
SPORT1: Spielt die schwierige politische Situation eine Rolle?
Grozer: Belgorod liegt ja in der Nähe der ukrainischen Grenze, viele Spieler haben Familie in der Ukraine. Ich verstehe ja kein Russisch, aber habe die Jungs in der Kabine beobachtet, wie sie sich vor und nach dem Training immer über die aktuelle Situation imformiert haben. Es ist schon keine einfache Lage.
