Der erste Schock ist verdaut, die Miami Heat haben das Leben nach LeBron James in Angriff genommen.

„Miami Twice“ lautet das Motto von Teampräsident Pat Riley, der immerhin Urgestein Dwyane Wade und Chris Bosh beim Serienmeister der Eastern Conference halten konnte.

Trotzdem geht bei den erfolgsverwöhnten Anhängern der Heat die Angst um, in der NBA wieder zu einer grauen Maus zu verkommen.

Denn in den Playoffs 2014 war Miami mehr als je zuvor die One-Man-Show des heimgekehrten „King James“.

„Ich denke, wir haben in den vergangenen Jahren bewiesen, dass wir immer bestrebt sind, ein Meisterschaftsteam auf die Beine zu stellen. Wir geben jetzt nicht auf, nur weil eine Entscheidung gegen uns gefallen“, sagt Riley fast schon trotzig.

Bosh in der Pflicht

Einmal mehr muss er nun in seine große Trickkiste greifen, um wenigstens die Konkurrenzfähigkeit zu erhalten – der Glitzerlack ist in jedem Fall ab.

Zwar ist im deutlich schwächeren Osten ein Playoff-Platz das Mindestziel für den dreimaligen NBA-Champion. Vielen Fans läuft es aber kalt den Rücken herunter, wenn Bosh die Führungsrolle beansprucht.

„Bislang habe ich mit dem besten Spieler der Welt gespielt, da musste ich nicht das Alpha-Männchen sein. Manchmal vermisst du das. Jetzt habe ich die Chance, zu sehen, ob das in mir steckt“, meint der 30-Jährige.

Wie das James-Vakuum füllen?

Nicht zuletzt deshalb entschied er sich, gegen einen Wechsel ins gemachte Nest der Houston Rockets – die 118 Millionen Dollar haben sicher auch nicht geschadet.

Zweifel bleiben, ob der bisweilen rätselhaft phlegmatische All-Star tatsächlich in die Rolle des Leaders schlüpfen und das James-Vakuum füllen kann.

Denn der „King“ war trotz aller Aufmerksamkeit für das Super-Trio immer auch der Mittelpunkt des Medieninteresses – egal ob Held oder Sündenbock.

Spoelstra unter Druck

Nun stehen Bosh und der immer noch junge Coach Erik Spoelstra unter Druck. Trotz des Titels 2013 wurde Spoelstra taktisch zweimal von Spurs-Trainer Gregg Popovich ausmanövriert.

Kann er auch siegen, wenn er nicht das talentiertere Team auf dem Parkett hat? Sein durchaus erfolgreicher „Small Ball“ funktionierte schließlich nur wegen des Allround-Könners James so gut.

Umso wichtiger wäre ein ordentliches Reservoire an Nebenleuten für Bosh. Genau diesem vertraute James allerdings nicht genug, um in South Beach zu bleiben.

Wade mit „billigem“ Vertrag

„Ich bin stolz, jeden einzelnen Tag meiner Karriere als Mitglied der Miami Heat verbracht zu haben. Wir werden ein gutes Team aufs Feld bringen“, sagt Wade.

Speziell der 32-Jährige ist aber das größte Fragzeichen. Die Marketing-Abteilung verkauft den Zweijahresvertrag als Opfer für das Team im Stile von Dirk Nowitzki oder Tim Duncan.

Tatsächlich sind die kolportierten 34 Millionen wohl eher ein recht hoher Marktpreis, denn Wade ist auch wegen seiner chronisch schmerzenden Knie nicht mehr der „Flash“ früherer Jahre.

Kader mit Fragezeichen

Auch dem restlichen Kader fehlt das gewisse Etwas. Neuzugang Danny Granger hat ebenso wie die Überbleibsel Udonis Haslem und Mario Chalmers seine besten Tage hinter sich.

Josh McRoberts ist ein ordentlicher Power Forward, der aber Boshs Spielweise zu sehr ähnelt. Es fehlt ein tauglicher Center. Nur Chris „Birdman“ Andersen ist ein Reboundgarant.

Rookie-Spielmacher Shabazz Napier braucht trotz Vorschusslorbeeren und College-Titel mit dem deutschen Nationalspieler Niels Giffey noch Zeit. Einzig Luol Deng ist als guter Verteidiger und Scorer eine echte Verstärkung, aber dennoch eine Schwächung im Vergleich zu James, den er ersetzt.

Neuaufbau bleibt aus

Die Heat erinnern mit ihrer Ansammlung biedererer Rollenspieler und Ü-30er und dem Mantra der finaziellen Flexibilität ein wenig an die Dallas Mavericks in den dunklen Jahren nach dem Titelgewinn 2011.

Dieses Team ist zu schlecht, um in die Finals zurückzukehren, aber zu gut, um einen echten Neuaufbau zu starten.

Mit Alonzo Mourning, Shaquille O’Neal oder 2010 LeBron zauberte Riley in vergleichbaren Situationen jeweils ein Ass aus dem Ärmel – irgendwann gehen aber auch dem größten Magier die Tricks aus.