Als Wissenschaftler fragt man sich schon, wozu all der Aufwand, wenn hinterher doch keiner auf einen hört.

“Studie mit Voodoo-Puppen – Hungrige Ehepaare streiten mehr”: Keine zwei Wochen her, dass man das in mühevoller Feldarbeit erforscht und in die Zeitung gesetzt hat.

Zu wenig Essen steigert bei Ehepartnern die Gereiztheit, so das Ergebnis einer repräsentativen Stichprobe. Der Blutzuckerspiegel sinkt, das Gehirn reguliert die aggressiven Impulse nicht mehr – und schon ist Stunk, gewaltsamer im schlimmsten Fall.

Viel Essen ist also unabdingbar für ein fruchtbares Miteinander. Aber was machen der FC Bayern und Borussia Dortmund? Sie verkünden: Ab sofort keine gemeinsamen Mittagessen mehr.

Gut, klar, natürlich: Die Verwerfungen, die zwischen dem FC Bayern und Borussia Dortmund ausgebrochen sind, sind weit davon entfernt, ein einfacher Streit unter Eheleuten zu sein.

Das Dictum von Karl-Heinz Rummenigge, das zwischen beiden Klubs gerade “ein bisschen Eiszeit” herrscht, weist im Gegenteil darauf hin, dass wir es stattdessen mit einem Phänomen zu tun haben, dessen Brisanz der des globalen Klimawandels zumindest gleichzusetzen ist.

Andere – um dies hier in gebotener Kürze einzuwerfen – hätten hier jetzt von einem naheliegenden Thema für einen Brennpunkt in der ARD gesprochen, aber abgesehen davon, dass dieser Hinweis von der Warte der Trendforschung aus gesehen seit kurzem mit Bayerns Ehrenpräsident Franz Beckenbauer auf einer modischen Linie ist, handelte es sich bei der Forderung nach einem Brennpunkt zu einer Eiszeit um ein meteorologisch inkohärentes Sprachbild, von der aus diesem Grund abzusehen ist.

Wir haben es jedenfalls mit einer höchst ernstzunehmenden Sache zu tun, die durch den bilateral verhängten Boykott gemeinsamer Mittagessen noch ernstzunehmender wird.

Außenpolitische Beobachter, die nicht auf dem neuesten Stand der Friedensforschung sind, mögen ihn als allzu milde Sanktion der wechselseitig verursachten Eskalation verurteilen.

Die oben angeführten Erkenntnisse beweisen allerdings, dass beide Parteien damit einen Preis zahlen, der womöglich für alle Beteiligten zu hoch ist.

Es geht ja auch nicht nur darum, dass ein sinkender Blutzuckerspiegel die Gefahr weiterer aggressiver Impulse auf dem unübersichtlichen Interview-Schlachtfeld messbar ansteigen lässt.

Es geht auch darum, dass die gemeinsam begangene Blutzuckererhebung Gesprächskanäle offen hält, die helfen können, derlei Impulse zu verhindern und stattdessen belastbare Beziehungen auf kulinarischer Augenhöhe aufzubauen.

Clemens Tönnies, ausgerechnet, macht in dieser Hinsicht vor wie es geht.

Es ist keineswegs ein Zufall, dass der Schalker Aufsichtsratschef es auch in Zeiten der Krise vermag, seiner Mannschaft die Erfüllung des langgehegten Wunsches, einmal den Kreml zu sehen, in Aussicht zu stellen.

Seine jahrelang gepflegte Eisbein-Diplomatie mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zahlt sich an dieser Stelle aus, obwohl und gerade weil sie erklärtermaßen vollständig unpolitisch gedacht ist.

Gewiss, wir sprechen hier von Gemengelagen, die womöglich nicht zu hundert Prozent miteinander vergleichbar sind.

Und man muss auch hinzusagen, dass Tönnies als Fleischfabrikant mehr drin ist im Thema Konfliktmanagement als jetzt ein Karl-Heinz Rummenigge, ein Hans-Joachim Watzke oder ein Karl Hopfner.

Trotzdem: Es beunruhigt, wie rapide sich die diplomatischen Beziehungen zwischen Bayern und Dortmund verschlechtert haben, seit kein ausgewiesener Fleischexperte mehr an ihrer Pflege beteiligt ist.

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