Raucher, man muss das in dieser Deutlichkeit sagen, sind nicht mehr die gesellschaftlichen Idole, die sie einmal waren.
Keinen Begriff mehr haben große Teile der nachwachsenden Generation mehr davon, dass die Zigarette in der Kultur früherer Zeiten das war, was die glutenfreie Ernährung heute ist.
Wie selbstverständlich nehmen sie hin, in jeder öffentlich-rechtlichen Fernseh-Talkshow klar identifizierbare Gesichter zu sehen anstelle von Dunstschwaden, hinter denen man nicht erkennen kann, ob der Wolfgang, der gerade die neueste justizpolitische Problemstellung des Landes auflöst, nun Bosbach oder Kubicki ist.
Und fern jeder Vorstellungskraft ist für sie, dass ihre Eltern und Elternseltern einst mit einer Serie groß geworden sind, die sich bar jeder Rücksicht auf politische Korrektheiten “Rauchende Colts” nannte.
Nur der Blick auf die Bilder dieser Zeiten kann all das noch nachfühlbar machen.
Unglaublich aus heutiger Sicht, wie damals keine relevante Ikone darum herumkam, sich mit Schmauchobjekt in Szene setzen zu lassen.
Sinatra. Dean. Bogart. Bacall. Brando. Hepburn. Dietrich. Dylan. Lennon. Burroughs. Bukowski. Frosch.
Ins Life, ins Time Magazine und schließlich in den musealen Rang schafften es die Fotografen, die die Größen ihrer Ära mit Kippe im Mundwinkel vor die Linse bekamen.
Was heute mit ambitionierten Lichtbildnern passiert, die sich an Derartigem versuchen, war in dieser Woche zu besichtigen.
Da schießt ein Künstler unbekannter Identität ein Bild einer heutigen Größe, das locker mithält mit den Ikonographien von einst, sie in Teilen sogar noch übertrifft.
Ist sein Motiv schließlich nicht nur mit Zigarette auf Fotopapier gebannt, sondern auch mit Smartphone und Gaffel Kölsch. Allen drei Insignien der Macht über den eigenen Körper also.
Was aber passiert mit dem meisterhaften Bildnis “Was macht Boateng hier mit Zigarette und Bier?”, kaum dass ein sachverständiges Medium es entdeckt hat für die kulturell interessierte Öffentlichkeit.
Es wird verrissen, zerredet, als Raubkunst diffamiert.
Nicht nur, dass sein Schöpfer angefeindet und bedroht wird. Sein Mäzen muss in Schimpf und Schande von seinem öffentlichen Amt zurücktreten – als wäre er ein schlichter Automobilklubfunktionär oder Bundeslandwirtschaftsminister.
Eine jämmerliche Episode, die eines Landes, das Künstler wie Neo Rauch hervorgebracht hat, nicht würdig ist.
Und die es verdient hat, vom Dunst der Geschichte vernebelt zu werden.
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