Ich komme in diesem neuen Jahr nicht mehr herum um die Erkenntnis, dass ich alt werde.

Anschaulicher als das Fach, mit dem wir uns hier alle beschäftigen, kann es dir ja nichts vor Augen führen.

Nicht lang her, da bist du alterstechnisch noch ein heißes Talent. Dann ein aufstrebender Jungnationalspieler. Plötzlich irgendwann dann im besten Fußballalter. Und kurz darauf schon ein erfahrener Leitwolf, der aber noch immer auf seinen ersten großen Titel wartet.

Und schließlich bist du dann in dem Alter, in dem du jetzt – wenn du zum Beispiel Christoph Metzelder bist – deine Karriere schon beendet hast und dafür deine Laufbahn in der Politik vorantreibst.

Und ehe du dich versiehst, sitzt du dann auf deinem Posten als parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium und verstehst die jungen Leute von heute nicht mehr.

Diese Klamotten. Diese Frisuren. Diese Kopfhörer. Du wunderst dich nur noch. Erst recht über das, was aus diesen Kopfhörern herauskommt.

In der “Sport Bild” ist es ja diese Woche zu lesen: “Top 10! Die BVB-Kabinen-Charts”.

Du blätterst sie durch. Und verstehst gar nichts mehr. Gut: Justin Timberlake, Jay-Z, die beiden Nummer einsen, die kennst du noch.

Auch von Justin Bieber (Platz 7) hast du schon mal gehört. Dass er jetzt auch seine Karriere beendet, um sich als Cheflobbyist der Deutschen Bahn in Stellung zu bringen, war eben ja erst zu lesen.

Aber sonst? Du guckst hin, du guckst her und du hörst nicht auf dich zu fragen: Wer oder was ist ein Tinie Tempah (Platz 3), ein Avicii (Platz 4), ein Tyga (Platz 5), ein Trey Songz (Platz 8)?

Und es dämmert dir: Jetzt bist du der alte Mann, über den du früher gelacht hast, wenn er über deine Helden die Nase gerümpft hat. Über Fun Factory, Eiffel 65, die Vengaboys, Charlie Lownoise & Mental Theo, XXL featuring Peter Steiner…

Der Fußball, das Fach, mit dem du dich beschäftigst, bestätigt dir: Dahin ist deine Jugend.

Du bist traurig, bedrückt, untröstlich, wie es scheint. Bis du ganz ans Ende der BVB-Kabinen-Charts gelangst, zu ihrem versöhnlichen Abschluss.

Du liest: “Platz 10: Die Toten Hosen ? Tage wie diese”. Doch noch eine richtige Rock-Hymne. Und du bist versöhnt mit beiden, mit dem Alter, mit der Jugend.

Die Toten Hosen nämlich zeigen dir, dass dieser Gegensatz eine Rolle spielt in diesem Leben.

Zu ihnen nämlich rocken sie offensichtlich noch alle: Die jungen Menschen aus der Generation vor dir. Die jungen Menschen aus der Generation nach dir.

Und du als Christoph Metzelder auf der nächsten spontanen Wahlsiegerparty im Bundesverteidigungsministerium.

Und zusammen versinkt man an einem Tag wie diesem in einem Moment der Alterslosigkeit. Und wünscht sich Unendlichkeit, mit einem Lächeln auf den Lippen.