Natürlich, es ist jetzt ein Leichtes, Gehässigkeiten auf Melanie Müller herabprasseln zu lassen.
Man mag es nach dem Studium ihres neu veröffentlichten Gesangswerkes sogar auch für gerechtfertigt halten.
“Fußball, das heißt Freundschaft, auf der ganzen Welt. Und der, der trifft, der ist für uns der allergrößte Held”: Gut, ja, das bleibt zurück hinter der Sprachmacht von “Ob Mann, ob Frau – ich nehm’s nicht so genau.”
Trotzdem steht das, was die Kritikerkaste gerade veranstaltet mit dem WM-Song “Deutschland schießt ein Tor”, in keinem Verhältnis mehr – und ist überdies auch vollkommen kontraproduktiv.
Welche Dschungelkönigin, das muss man an dieser Stelle einmal fragen, wird, wenn sie so etwas zu erwarten hat, künftig noch das Gewicht ihres Amtes in die Waagschale werfen wollen für den deutschen Fußball?
Eine Melanie Müller wagt sich ja wenigstens noch daran, ihre Kunst für die gute Sache sprechen zu lassen, wo andere sich aus Furcht um ihren intellektuellen Ruf aus der Verantwortung stehlen – gerade diejenigen, die es am meisten betrifft.
Zwei Jahrzehnte ist es mittlerweile her, dass die deutsche Nationalmannschaft damit aufgehört hat, eigene WM-Songs aufzunehmen.
So verständlich dieser Schritt schien nach “Far away in America” mit den Village People, gebracht hat er nichts.
Im Gegenteil: Der Versuch einen Schlussstrich hinter die Geschichte mit den Weltmeisterschaftsliedern zu ziehen, hat alles nur noch schlimmer gemacht.
“Du wirst die Spuren der alten Kulturen niemals mehr los”: Was die Nationalmannschaft selbst 1986 an der Seite von Peter Alexander gesungen hat, ist von unveränderter Gültigkeit und sollte ihr nun eine Mahnung sein.
Es bringt nichts, die Spuren, die diese und andere WM-Lieder hinterlassen haben, zu leugnen und zu verdrängen.
Sie sind verankert in unserer DNA, sind lebendige Geschichte, mit der wir unseren Frieden machen können, ja machen müssen. Uns allen wäre damit gedient.
Statt uns zu verheddern in hässlichen Diskussionen darüber, warum der oder der deutsche Nationalspieler nicht “Einigkeit und Recht und Freiheit” singt, tut eine Debatte darüber Not, warum kein einziger von ihnen zu “Wir sind schon auf dem Brenner, wir brennen schon darauf” die Lippen bewegt – dem Lied, das uns 1990 zum bislang letzten Weltmeistertitel geführt hat.
Natürlich: Was damals war und was heute ist, lässt sich nicht vergleichen.
“Hinter uns liegt der Inn und vor uns liegt der Po. Die Welt spielt sich frei, und auch wir sind dabei. Hollahi, hollaho”: Franz Beckenbauer hatte Recht mit seiner damaligen Einschätzung, dass solche Liedzeilen auf Jahre hinaus unschlagbar sein würden.
Trotzdem kann das keine Ausrede dafür sein, das nicht wenigstens zu versuchen und stattdessen in der WM-Vorbereitung in unsinnige, unmusikalische Ersatzhandlungen zu verfallen.
Ein Klaus Augenthaler – so viel ist sicher – hätte seine Zeit nicht damit vertan, sein Gesicht auf Kinder-Schokolade-Packungen zu drucken.
Ein Klaus Augenthaler hat sich auf das konzentriert, worauf es wirklich ankam: Udo Jürgens mit dem Tambourin zu begleiten.
Und so lange kein aktueller Nationalspieler das gleiche für Melanie Müller tut, wird es schwer mit dem Titel.
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