Man hätte eigentlich annehmen müssen, dass wir in dieser Debatte mittlerweile weiter sind, aber es ist offensichtlich nicht so.

Eine Sache, die heutzutage das Normalste auf der Welt sein sollte, wird mal wieder besprochen, als ob es Gott weiß für ein Unding wäre. Kein Wunder, dass noch immer kein aktiver Fußballprofi offen darüber reden will.

Dabei schien es ein gutes Zeichen zu sein, dass es nun zumindest ein ehemaliger tut. Aber es ist anscheinend nichts dadurch gewonnen.

Im Gegenteil: Mehr denn je zeigen die Reaktionen auf sein Bekenntnis, dass das Thema nichts von seiner unangenehmen Verzwicktheit verloren hat.

Spätestens jetzt brauchen wir nicht mehr wohlfeil-empört auf Wladimir Putin zu zeigen und sein Gesetz gegen die Propaganda nicht-traditioneller Sanitäreinrichtungen gegenüber Minderjährigen.

Oder auf den Bürgermeister von Sotschi und seine Behauptung, dass es in seiner Stadt nur Badewannen gebe.

Die bittere Erkenntnis ist: Man kann auch hier in diesem Land nicht in aller Unbefangenheit über das Duschen reden.

Das glauben Sie nicht?

Schauen Sie sich an, was mit Jens Lehmann passiert ist, dem Mann, der nichts weiter wollte als über Selbstverständlichkeiten zu sprechen. Darüber, dass er duscht. Und darüber, dass er sich Gedanken übers Duschen macht.

Gedanken, für die man nichts kann, man kann sie ja nicht kontrollieren, er betont es selbst. Das kann und darf einen aber nicht davon abhalten, sie auszudrücken.

Ich meine, seien wir ehrlich, wer von uns hat sich nicht schon mal gedacht, dass es komisch wäre, wenn man gewusst hätte, dass man jeden Tag mit jemandem zusammengespielt hat, den man auch tagtäglich so gesehen hat, beim Duschen, in Zweikämpfen, dass man dann nicht weiß, was man gedacht hätte, wenn man das gewusst hätte – was man nicht gedacht hätte, weil der ja erstens sehr intelligent ist und zweitens von seiner Spielweise überhaupt nicht den Anlass gegeben hätte, dass man da hätte denken können, da ist irgendwas.

Zumal, wenn man sich jetzt den umgekehrten Fall denkt, wenn man jetzt in einer Mannschaft gespielt hätte, in der einem permanent zwei hübsche Frauen in der Dusche über den Weg laufen, ja, ist nicht richtig vergleichbar, aber ist auch eine Herangehensweise, wo man auch nicht weiß, was man denken würde.

Wer, frage ich Sie, ist von solchen Gedanken frei?

Umso schlimmer, was nun passiert ist mit demjenigen, der sie ausgesprochen hat.

Die Reaktionen sind genauso unkontrollierbar wie seine Gedanken, er ist Verhöhnungen ausgesetzt, permanent werden Witze gemacht, es gibt leider überall solche Menschen, die das tun.

Es ist traurig und leider wohl ein warnendes Beispiel.

Andere, die in derselben Situation werden sich fragen, ob man sich das wirklich antun muss als Betroffener:

Einfach nur mal so seine Gedanken auszusprechen, mit denen man jeden Tag duschen muss.

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