Die Steinigung des Albert Ebosse

Die Steinigung des Albert Ebosse

Für Albert Ebosse ändert das Duell der Erzrivalen in Algerien tödlich. Ein Fan trifft ihn mit einem Stein am Kopf.

Von Francois Duchateau

Sicher verwandelt Albert Ebosse den Elfmeter im rechten Torwarteck. Ein kleiner Freudensprung, die Faust vor sich geballt.

Es war der letzte Torjubel des kamerunischen Nationalspielers. Wenig später wird der Torschützenkönig der algerischen Profiliga aus der Fankurve von einem Stein getroffen. Im Krankenhaus erliegt der 24-Jährige seinen schweren Kopfverletzungen.

Die Nachricht von Ebosses Tod ging um die Welt. Angriffe auf Fans und Sportler kennt man zwar im größten Staat des afrikanischen Kontinents, binnen der Stadionmauern umgebrachte Fußballer jedoch nicht.

Den algerischen Fußball hat Ebosses Schicksal allerdings kaum erschüttert.

Establishment gegen Minderheit

Es geschah am Rande des Duells zwischen dem Meister und Vize-Champion der höchsten algerischen Spieklasse. Die Begegnungen zwischen dem Hauptstadt-Club USM Algier und dem JS Kabylie verlaufen traditionell hitzig.

Beide Städte mögen räumlich nur 100 Kilometer voneinander entfernt liegen, doch sie trennen Welten – nicht nur in Sachen Sprache.

USMA ist der Verein des Establishments und die wirtschaftlich führende Kraft, der bevorzugte Verein der Araber, der Mehrheit der Algerier. JSK ist der Verein mit den meisten Trophäen und der, der kabylischen Minderheit (3 Millionen in einem Land von 37 Millionen Bürgern), geprägt von sehr viel kultureller Identität.

Das Skandal-Spiel von Tizi Ouzou verlor JSK mit 1:2. Die Menge tobte und beschmiss die USMA-Spieler und Schiedsrichter mit Steinen. Eines der Wurfgeschosse traf Ebosse am Kopf. Er starb wenig später, obwohl er sehr schnell in ein Krankenhaus in der Nähe des Stadions gebracht wurde.

Im Internet kursieren Handyaufnahmen vom letzten Transport des Kameruners, der in weiße Laken gewickelt war.

Hass-Gipfel außer Kontrolle

Der Steinwurf auf Ebosse ist nicht der erste Vorfall dieser Art im Land des WM-Teilnehmers, der Titelträger Deutschland in Brasilien beinahe im Achtelfinale ausgeschaltet hätte.

Regelmäßig fahren Mannschaftsbusse durch einen Hagel an Steinen, die von Hunderten von Fans geschmissen werden. Auch Schiedsrichter sind häufig Opfer solcher Angriffe, ja selbst TV-Kameras ? beides Symbole der staatlichen Autorität, finden viele.

Die letzte Profi-Reform im algerischen Fußball fand erst 2010 statt. Doch noch immer ist die Liga weit von internationalen Standards entfernt, vor allem in Sachen Sicherheit. Definiert wird diese vor allem durch massive Polizeipräsenz. Zwar haben die Ordnungshüter tatsächlich die meisten Spiele im Griff, doch Hass-Gipfel zwischen Erzrivalen geraten alleine schon wegen der Stadionarchitektur regelmäßig außer Kontrolle.

Fan 2010 geköpft

Es ist leicht, von außen über die Zäune zu klettern und so in die maroden Stadien zu gelangen, in denen Tribünenteile sogar schon einstürzten während sich Fangruppen darauf bekämpften. 2010 eskalierte die Gewalt beim Derby zwischen CSC und MO Constantine sogar so weit, dass ein Fan geköpft wurde.

So lange man kein hitziges Derby besucht oder Rivalen nicht schon im Vorfeld im wahrsten Sinne des Wortes mit den Säbel rasseln, müsse man in den algerischen Stadien nicht um sein Leben fürchten, berichten Fangruppen. Mit Frauen oder Kindern ein Fußballspiel anzusehen, sei jedoch unmöglich.

Algerien hat kein organisiertes Hooligan-Problem, sondern ist allgemein ein Land, in dem Gewalt und Terror Alltag sind. Alle gesellschaftlichen Wandel des Wüstenstaats verliefen blutig. Beginnend bei der Revolution gegen Frankreich in den 50er und 60er Jahren bis hin zu den dunklen Jahren des Terrorismus, nachdem die islamische Partei FIS nach ihrem Wahlsieg in den 90ern vom Militär gestürzt wurde.

Fußball als zweite Religion

Die Algerier sind Gewalt gewohnt. Die jungen Leute, die realisieren, dass ihnen der Staat keine Zukunft bietet und die Nase voll haben, reagieren hitzig auf die Impulse, die ihnen der Fußball sendet. Fußball ist für sie Konfrontation – nur mit dem Ball.

Das Land wird von Arbeitslosigkeit geplagt. Fußball – im Volksmund auch die zweite Religion des Landes nach dem Islam genannt – ist das Ventil der Bürger, um Frust zu äußern. In dieser Gemengelage vermischen sich leider auch Konflikte zwischen unterschiedlichen ethnischen Gruppen.

Die Probleme in Algeriens Fußball können nicht auf dem Rasen gelöst werden, sondern müssen gesellschaftlich stattfinden, sagen die Fans. Beide Ebenen sind eng miteinander verwoben. Die Ausschreitungen in den Stadien sind ein verzweifelter Hilfeschrei einer Generation der Perspektivlosen, die politisch keine Stimme hat, aber im Stadion ein Echo findet, das Aufmerksamkeit bekommt.

Kaum Hoffnung auf Änderungen

Der Tod Ebosses wird nicht viel ändern im algerischen Fußball, meinen Experten, auch wenn es derzeit Stimmen gibt, die eine völlige Stilllegung des Ligabetriebs fordern.

Der Täter dürfte zur Rechenschaft gezogen, das JSK-Stadion einige Monate gesperrt werden. In beiden Fällen dürften harte Urteile und ein striktes Durchgreifen zu erwarten sein, wie auch schon vom Präsidenten des afrikanischen Kontinental-Fußballverbandes CAF, Issa Hayatou, gefordert.

Nicht um ein Exempel zu statuieren, sondern, um schlechte Presse für die Oberen vermeiden.

Der Wandel, auf den viele durch die plötzlich internationale Aufmerksamkeit nach Ebosses Tod hoffen, ist nicht in Sicht.